Wohin solltest Du zuerst fahren?
Wohin solltest Du fahren, wenn Du zum ersten Mal in der Toskana bist?
Ein paar Worte vorweg: Das Wort ‘Toskana’ löst in unseren Breiten sehr unterschiedliche Reaktionen aus. Beinahe könnte man von Polarisierung sprechen. Das Spektrum reicht von bedingungsloser Schwärmerei bis zu den Einwänden "zu teuer", "zu überlaufen", "zu kommerziell", "zu arrogant". Meine Meinung dazu: Alles stimmt. Aber es stimmt auch, daß Du in der Toskana einen unerhörten Reichtum an kulturellen Werten findest - und charakterstarke Menschen! Nach wie vor. Auch kommerzielle Auswüchse haben daran nichts ändern können. Allerdings: Die Toskana, so wie sie wirklich ist, wird sich Dir nur zeigen, wenn Du Dich ihr gegenüber öffnest; wenn Du Dir für die Reiseziele Zeit nimmst, statt von Ort zu Ort zu hetzen; wenn Du Deine Vorurteile beiseite legt. Nur dann wirst Du sie entdecken.
Die Einwohner der Toskana waren schon immer begnadete Kaufleute und Vermarkter ihrer selbst. Schließlich ist das moderne Bankenwesen eine toskanische Erfindung. Der Toskana-Boom ist nicht zuletzt das Resultat cleverer Vermarktung. Vielenorts ist im Umgang mit Gästen die Unbekümmertheit verloren gegangen. An ihre Stelle ist Berechnung getreten. Manchmal glaubt man, in den Pupillen der Einheimischen das Dollar-Zeichen zu erkennen.
So machst Du das Beste aus Deinem ersten Toskana-Urlaub:
Florenz, Lucca, Pisa, Siena: Solltest Du Dir unbedingt ansehen - zumindest für ein paar Stunden; denn von hier kamen die wichtigen Impulse für die Entwicklung des Landes und Europas. Diese Städte sind leider das ganze Jahr überlaufen. Fahr’ trotzdem hin - und mach’ es kurz!
Florenz, Lucca, Pisa und Siena sind verkehrsberuhigt. In die Innenstädte dürfen nur Anwohner mit Sondergenehmigung hineinfahren. Auch hier gilt mein Rat: Fahr’ hin - mach’s kurz!
Florenz, die Hauptstadt, gehört nun mal zur Toskana wie das Amen in der Kirche. Du solltest einen kurzen Besuch einplanen. Doch fahr' um Himmels willen nicht mit dem eigenen Auto! Diese Entscheidung würdest Du schnell bereuen (ich spreche aus Erfahrung). Mein dringender Rat: Nimm den öffentlichen Bus. Die wichtigsten Orte des Umlandes (z.B. Castellina, Gaiole, Greve, Radda, Panzano, Impruneta usw.) sind mit Florenz durch Buslinien verbunden. Das funktioniert recht gut und ist preiswert. Und Du schonst Deine Nerven und die Deiner Mitmenschen. Unter Empfehlungen geht's zu einem Fahrplan.
San Gimignano, die mittelalterliche Türmestadt, hat sich längst zu einer Art toskanischem Disneyland gemausert. Touristen und Kommerz, so weit das Auge reicht. Hier regiert das Dollar-Zeichen.
Chianti: Das ist, grob gesagt, das Gebiet um Florenz herum. Plane Abstecher in den Chianti Fiorentino (westlich) und in den Chianti Classico (südlich, zwischen Florenz und Siena) ein. Der Chianti Fiorentino ist landschaftlich offener, lieblicher und stärker besiedelt als der Chianti Classico, der recht waldreich ist. Obwohl die Gegend insgesamt ziemlich überlaufen und teuer ist, lohnt sich ein Besuch; denn sie wurde von den alten Florentiner Adelsgeschlechtern, die wichtig für die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung der Toskana waren, zuerst kolonialisiert. Hier findest Du dementsprechend viele Burgen, Schlösser und prächtige Villen, von denen Du viele besichtigen kannst (Beispiel: das imposante Castello di Brolio bei Gaiole). Nicht zu verachten sind natürlich die zahlreichen Gelegenheiten, erstklassige Rotweine zu verkosten (Empfehlungen).
Von den bekannteren Orten des Chianti-Gebietes finde ich nur Radda sehenswert. Diese geschichtsträchtige kleine Gemeinde hat ihr ursprüngliches Bild bewahren können. Ein Spaziergang durch die verwinkelten engen Gassen - Trepp’ auf, Trepp’ ab und unter romantischen Torbögen hindurch - wird Dich erfreuen. 1270 wurde hier zur Verteidigung gegen die Republik Siena von den Orten Radda, Castellina und Gaiole die lega del chianti gegründet. Wenn Du Dich für Keramiken interessierst, dann schau’ bei Ceramiche Rampini vorbei. Dort findest Du außer Touristenware mit den üblichen Toscana-Dekors auch Keramiken, die zeitlos schön sind. Alles zu stolzen Preisen, doch seinen Preis wert (ein paar km außerhalb von Radda nahe Vistarenni; Empfehlungen).
Ach ja, fast hätte ich Montefioralle vergessen. In diesem reizvollen Nest oberhalb von Greve wurde Amerigo Vespucci geboren. Amerika ist nach ihm benannt; denn während vieler Reisen erforschte er den südlichen Teil des Kontinents.
Als ich - war es 1998? - zum ersten Mal das winzige San Gusmè bei Castelnuovo Berardenga sah, war ich entzückt. Ich hatte ein Örtchen entdeckt, vollständig von einer Mauer umschlossen, das ganz für sich zu existieren schien. An den Fassaden der alten Häuser war schon lange nichts mehr gemacht worden. Ein paar Alte hatten sich in der dunklen, einzigen Bar zum Kartenspiel eingefunden. Ansonsten sah ich keine Menschen. Keinerlei Anzeichen von Fremdenverkehr in den Gassen. Ein auf freundliche Weise übersehener Friedensort.
Im Oktober 2004 besuchte ich San Gusmè wieder. In der Zwischenzeit hatte man vor den Toren zwei große Parkplätze angelegt, um den Andrang der Besucher bewältigen zu können. Im Ort selbst war nach Kräften investiert worden. Die meisten Häuser hatte man hergerichtet. Es gab Läden und Bars. Zur Essensstunde füllten sich die Gassen mit Menschen, die zu den Tischen der zwei oder drei Restaurants strebten. Endlich war auch hier die sehnlichst erwartete moderne Zeit angebrochen!
Gleich südlich von Castelnuovo Berardenga endet der Chianti, und es beginnt das Gebiet der Crete Senesi (das bedeutet in etwa ‚Sieneser Lehmland’). Mein Rat an Dich: Schau’ Dir diese baumlose, bizarre Gegend an, die von unendlich scheinenden Folgen kahler Hügel geformt wird. Es ist die Heimstatt des Schafes, aber nur weniger Menschen. Da und dort kauert auf einer Hügelkuppe ein einsames Gehöft. Hier möchte ich Dir keinen besonderen Punkt empfehlen. Nimm’ Dir ein paar Stunden Zeit und erfahre diese faszinierende Landschaft - ohne Straßenkarte, ohne Ziel, doch mit genügend Benzin im Tank. Laß’ Dich einfach treiben. Gib’ Dich dem Sog hin, den Du verspüren wirst.

Wenn Du, von Asciano kommend, nach Süden fährst, lege ich Dir ans Herz, das Gebiet zwischen S. Giovanni d’Asso und Montepulciano zu besehen und darin insbesondere die Flecken Lucignano d’Asso, Castelmuzio, Montisi und Petroio. Du wirst eine freundliche, weiche Landschaft finden. Frühmorgens, wenn die Nebel aufsteigen, fügen sich hier Bilder, die Du nie mehr vergessen wirst.
Montepulciano ist ein wichtiges Zentrum der toskanischen Weinproduktion (Vino Nobile di Montepulciano). Obwohl leider oft überlaufen, solltest Du hier einen Besuch einplanen. Die im Mittelalter gegründete Stadt streckt sich reizvoll über einen Hügel. Von oben kannst Du weit blicken auf das Val di Chiana, die Ebene ostwärts (also Richtung Autobahn Florenz - Rom) und auf das Val d’Orcia, das westlich von Montepulciano beginnt.
Das landschaftlich abwechslungsreiche Val d’Orcia erinnert mancherorts mit seinen kahlen Hügeln an die Crete Senesi. Um Radicofani herum beginnt das Gelände anzusteigen. Felder und Schafweiden, unterbrochen von kleinen Wäldern, bestimmen nun das Bild. Es geht dem Monte Amiata entgegen, dem höchsten Berg der Toscana.
Mein Rat: Sieh’ Dir Rocca d’Orcia (oberhalb von Bagno Vignoni) und Monticchiello nahe Pienza an. Ein Hinweis auf Pienza, Bagno Vignoni und insbesondere Montalcino fehlt seit Jahren in keinem gängigen Reiseführer. Mit dem Ergebnis, daß diese Orte ihren ursprünglichen Reiz teilweise eingebüßt haben.
Eine Bemerkung zum Schluß: In diesem Kapitel habe ich Dir Anregungen dafür geben wollen, den Rahmen Deines ersten Toskana-Urlaubs sinnvoll festzulegen. Für den richtigen „Inhalt“ kannst natürlich nur Du selber sorgen, und dafür mußt Du, wie ich an anderer Stelle schon betont habe, Dich öffnen und Zeit mitbringen.
Zu Recht wirst Du einwenden: „Aber die Toskana bietet doch so viel mehr!“ Das stimmt natürlich. Doch Du hast nichts davon, wenn Du Deinen ersten Besuch überfrachtest. Mein Rat: Spar’ Dir die Maremma, Arezzo, Cortona und die Gegend um Poppi für spätere Reisen auf.
Florenz | Villen im Indischen Ozean | Ferienhausurlaub in Tschechien
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